Nina: Was kannst du tun, wenn du es doch eigentlich besser weißt? In der Theorie weißt du alles. Du hast wahrscheinlich schon unfassbar viele Podcasts dazu gehört, wie du dich als Führungskraft in herausfordernden Situationen verhalten solltest, wie du führen solltest, wie du auf Mitarbeiter reagierst, wie du Konflikte mit Mitarbeitern steuerst. Und wahrscheinlich hast du auch schon viele Seminare gemacht oder andere Dinge, wo du ganz viel Wissen aufgetankt hast. Und natürlich hast du ja auch deinen eigenen Erfahrungsschatz. Naja, und dann geschieht es irgendwie doch anders. Ungeplant anders. Vielleicht hast du gerade eine Mail bekommen, die dir so gar nicht in den Kram gepasst hat. Und hastig antwortest du darauf und klickst auf Senden. Und zwei Minuten später denkst du, shit, hätte ich doch eigentlich ganz anders geschrieben. Hi, ich bin Lina und wir gucken uns heute an, was da eigentlich passiert, wenn wir dieses Wissen, was wir in uns rumtragen, nicht abrufen können. Und ich mag total gerne mit einem eigenen Beispiel aus meiner Führungszeit starten, weil das so wunderbar zeigt, was in manchen Momenten uns neurobiologisch folgelt. kleines Beispiel, hardcore getriggert. Die Situation war folgende. Ich war mal wieder im gefühlt hundertsten Abstimmungstermin, wieder für irgendein Thema, wo gefühlt wieder niemand eine Entscheidung treffen wollte für ein Thema, was ich in meiner Rolle aber auch nicht entscheiden durfte. Und naja, als dann da wieder rumgetänzt wurde und hin und her geschaut wurde und eigentlich diese fehlende Entscheidungslust in Fragen übersetzt wurde, die mir dann wieder ins Hausabgabenheft geschrieben wurden, bin ich ausgeflippt. Also jetzt nicht so richtig ausgeflippt, dass ich rumgeschrien habe, aber ich bin halt echt emotional geworden, weil ich einfach so viele andere ungelöste Themen auf meinem Tisch hatte und sowieso schon im Dreieck die ganze Zeit gesprungen bin und überhaupt gar kein Privatleben mehr hatte, weshalb dann in diesem kurzen Moment auch einfach mein Gehirn ausgesetzt hat und ich ziemlich emotional und patzig darauf reagiert habe und leider in dem Moment auch vergessen habe, dass ich mich in einer Organisation befand, in der die Hierarchie eine große Rolle spielt. Naja, schön blöd, wenn man dann zwei Stufen über allem die Person anpatzt. bringt einem auch nicht schneller zum Ergebnis. Naja, du kannst dir vorstellen, dass ich im Nachhinein richtig geflucht habe, weil ich mir dadurch einfach noch sehr viel mehr Arbeit aufgehalts habe, aber natürlich auch ein wenig mein eigenes Verhalten in Frage gestellt habe. Und ich habe natürlich auch mich selbst hinterfragt, ob ich denn überhaupt kompetent genug bin für diese Führungsrolle. wenn ich in solchen Situationen, in denen es rückblinken nicht Leben oder Tod ging, so überreagiere. Heute weiß ich, dass ich in dieser Situation, in der der Druck einfach unfassbar hoch war und sich auch irgendwie alles für mich total unsicher angefühlt hat, weil jederzeit ein neuer politischer Angriff losgestoßen werden konnte, ich dieses Wissen für mich gar nicht abrufen konnte, was ich denn eigentlich gelernt hatte und was jetzt das Richtige war. Genau deswegen hat in dieser Situation mein erster Reflex quasi direkt geantwortet, weshalb ich emotional zurückgeschossen habe. Vielleicht kennst du das von dir von anderen Beispielen, dass eine Mitarbeiterin aus deinem Team zu dir kommt, weil sie eine Aufgabe nicht lösen kann und sie lieber wieder freundlich zurückdelegiert. Es gibt auch wunderbare Taktiken, woran man das erkennen kann, wenn Kollegen und Kolleginnen nicht entscheidungsfreudig sind und Aufgaben zurückdelegieren. Und schwupps, bist du schon wieder drin im Entscheidermodus und machst vielleicht die Aufgabe sogar noch selbst. Yes, herzlichen Glückwunsch. Je nach Team größer kann das mal richtig schön viel mehr Arbeit auf deinem Schreibtisch bedeuten. Und meistens kommt dann die Einsicht, dass hinterher Und das erlebe ich auch gerade viel in meinen Coachinggesprächen mit Führungskräften, die dann sagen, ich bin da wieder reingehüpft, verdammt noch mal. Aus unterschiedlichsten Gründen und ein Grund sehr oft auch das schlechte Gewissen. Gehen wir da mal tiefer rein und schauen uns an, warum das so ist und was auch die Neurobiologie dahinter sagt. Also zuallererst und wahrscheinlich, wenn du hier regelmäßig zuhörst, für dich eine Wiederholung. Unser Gehirn reagiert anders, wenn es unter Druck ist, wenn es Unsicherheit erlebt oder wenn grundsätzlich etwas nicht zu bestehenden Mustern passt. Dann entscheidet unser Gehirn nicht logisch und rational und wegt nicht ab, sondern es drückt auf die Tempotaste, weil es schnellstmöglich aus dieser ungewohnten Situation raus möchte. Und dann kann es auch passieren, das bewährtes Verhalten, was sich in der Vergangenheit nun mal etabliert hat, automatisch wieder abgerufen wird. Heißt dann aber leider auch, in dem Fall, wenn quasi das Alarmsystem im Kopf angeht, dass wir weniger Zugang haben zu dem Seminarwissen oder das, was wir uns angelesen haben oder Podcast gehört haben, weil das natürlich nicht im Alarmsystem verfügbar ist. Dafür bräuchten wir unseren Neocortex. der Teil, abwägt und auch ein bisschen mehr Zeit braucht, den wir aber dann mit diesem Reflex nicht entsprechend erreichen können. Ja und wenn du nochmal zurückdenkst an das Beispiel vorhin, was ich da hatte, mein eigenes persönliches Beispiel, wenn es dann noch so ist, dass wir unter Strom stehen, also wirklich auch längerfristig unter Strom stehen, dann wird es immer schwieriger. mit der Zeit auch wirklich Zugriff zu haben auf diesen reflektierten Teil unseres Gehirns. Nun ja, heiß, einmal kurz zusammengefasst. Oft haben wir kein Wissensproblem, es fehlt uns nicht an Wissen, es fehlt uns nicht an Kompetenz, oft ist es auch kein Charakterthema oder so, sondern es ist einfach ein Zustandsproblem. weil wir sehr häufig so dysreguliert sind mit unserem Nervensystem und nur noch überleben. Fight, flight und irgendwann kommt dann der Freeze-Zustand. Ich habe dir mal wieder eine kleine Übung mitgebracht für solche Situationen, wo du vielleicht auch selbst gerne mal schneller agierst, noch bevor dein Hirn die richtige Entscheidung getroffen hat. Diese Übung heißt Reflex Check und es sind drei ganz einfache Fragen, du dir stellen darfst. Damit du aber Zugang hast zu dem präfrontalen Cortex, deinem Denkhien, der notwendig ist zum reflektieren, ist meine Empfehlung, vorher eine Abordnungenübung zu machen. Das kann alles Mögliche bedeuten. Du kannst einmal lang einatmen und ausatmen. Du kannst auch einfach einmal Aufstehen von deinem Platz, wo du gerade bist. Einmal kurz das Setting wechseln, woanders hingehen. Du könntest auch einfach mal, wenn du merkst, du bist gerade sehr emotional angespannt, dich ausschütten oder einmal schnell im schnellen Gang irgendwo hingehen, Treppen hoch und runter. Also alles das, was dein Körper mobilisiert, wenn du merkst, dass da gerade sehr viel Energie in deinem Körper drin steckt. Dann will die nämlich raus. Die bleibt sonst in deinem Körper stecken. Und wenn sie in deinem Körper stecken bleibt, ist es häufig so, dass es uns schwerer fällt, auch wirklich in die Reflektion zu gehen und unser Denkjinn wieder anzuschmeißen. Deswegen gerne immer mit einem Embodiment starten, Körper in Bewegung bringen oder grundsätzlich einfach. über den Atem, wenn du das gerade nicht machen kannst, weil du in einem Teams-Meeting sitzt und die Geschäftsleitung vor dir sitzen hast und jetzt nicht mal gerade im Kreis sitzen kannst, dann ist auch oft der Atem total ausreichend. Das, du eigentlich sowieso den ganzen Tag selbständig machst. Wenn du mit deinem Körper eingecheckt bist, dein wichtigstes Instrument, was natürlich immer reagiert, bevor dein Hirn angeht, dann darfst du anschließend diese drei Fragen einmal für sich beantworten. Frage 1. Was will ich gerade tun? Frage 2. Was davon ist wirklich eilig? Und Frage 3. Was würde ich tun, wenn ich 10 Minuten Zeit hätte? Vielleicht wird es dir sehr schwerfallen, solchen Momenten wie beispielsweise in einem Meeting mit der Geschäftsleitung jetzt auch noch parallel diese drei Fragen durchzukaspern, vor allem wenn dein Gehirn schon im Alarmsystem ist. Deswegen aber auch meine Empfehlung, proaktiv diese drei Fragen zu trainieren, damit sich einfach neue neuronale Autobahnen in deinem Kopf verschließen können. Und du, für den Moment, wo du dann beispielsweise mit deiner Geschäftsleitung zusammensitzt, diese drei Fragen für dich ganz automatisch abspulen kannst. Weil du weißt ja, alles, was wir wiederholen und wiederholen und wiederholen, lässt das Kleintrampelpfaden in unserem Gehirn irgendwann Landesautobahn und dann irgendwann achtspurige Autobahn werden. Deswegen, Kleinanfang. Schau mal, ob du vielleicht für die nächsten Tage eine Mail, die reinkommt, die du beantworten magst, als Übungsfeld nutzen kannst, dann die drei Fragen, und ich wiederhole sie dir noch einfach mal, damit du sie für dich vielleicht noch mal aufschreiben kannst, dann parat zu haben und sie für dich kurz zu beantworten, damit du nicht 10 Minuten später denkst, halleluja, was hab ich denn hier bitteschön gerade verzapft und dann vielleicht sogar noch sehr viel mehr Arger danach hast. Also, hier sind deine drei Fragen. Was will ich gerade tun? Was davon ist wirklich wichtig? Und was würde ich tun, wenn ich zehn Minuten Zeit hätte? Ich habe dir gerade schon ein bisschen erklärt, auch warum es so wichtig ist, den Körper zu involvieren über Atmung oder Bewegung beispielsweise. Eine Sache, die ich noch nicht benannt habe, ist, dass das Aussprechen... auch Abstand schafft. Deswegen ist es auch so wertvoll, Selbstgespräche zu führen. Ich empfehle einiger meiner Klientinnen und Klienten, einfach mal eigene Voice-Memos zu machen. Das kannst du ja ganz einfach über die App in deinem Handy machen. Es ist manchmal so viel einfacher, als Dinge aufzuschreiben, einfach mit sich selbst zu reden. Frag mich nicht, wo ich das her habe, aber es ist bewiesen, dass Menschen, mit sich selbst reden, als smarter. einhergehen. Okay, vielleicht rede ich mir das auch gerne immer ein bisschen schön, aber die Wissenschaft hat auf jeden Fall bestätigt, dass es eine gute Eigenschaft ist. Deswegen benenne das, was gerade im Raum ist, mit diesen drei Fragen, dann in dem Moment auch diesen Abstand zum Impuls zu schaffen und nicht direkt reinzuhöpfen und zu reagieren. Und dass Wiederholung gut ist, darüber haben wir ja bereits gesprochen. Ich hoffe, die drei Fragen klären wir jetzt an deinem Laptop, dass du sie parat hast. Und ich wünsche dir jetzt ultra viel Spaß beim Ausprobieren, damit diese emotionalen Ausbrüche beziehungsweise das reinhöpfenden Verantwortung, die definitiv nicht deine ist und vor allem aber das Gechillte bei dir bleiben, weil das Wissen ist ja in dir, du musst es in dem Moment nur abrufen können, dass das für dich möglich wird, je häufiger du da einfach diese Awareness... darüber bildet, was gerade passiert. Also wie immer ganz viel Freude beim ausprobieren.