Dr. Adeline Hurmaci - Herzenssprachen: Hi, ich bin Adeline und du hörst Mehrsparrecht glücklich, den Podcast für Eltern, die Mehrsparigkeit leben und ihren Kindern weitergeben. Hier findest du wertvolle Impulse für den mehrsparigen Alltag, ehrliche Tipps und Inspiration. Ich teile Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis und führe Interviews mit spannenden Menschen, damit aus der mehrsparigen Reise eine wunderbare Reise werden kann. Schön, dass du da bist. Hi, ich freue mich sehr heute meine erste Podcast-Folge aufzunehmen. Diese Folge wird eine persönliche sein. Ich spreche darüber, wie mein Weg war, warum ich heute hier bin und das tue, was ich tue, was für mich Mehrspachigkeit bedeutet und was Kinder primär brauchen, ⁓ mehrsprachig glücklich zu werden. Ich fange mit der Gegenwart an und reise dann zurück in die Vergangenheit. Ich habe zwei Jungs und vor ein paar Wochen haben wir den zehnten Geburtstag unseres älteren Sohnes gefeiert. Zehn Jahre und ich muss sagen, ich war ganz schön emotional an dem Tag. Ich bin fast vor Stolz geplatzt, als ich meinen Sohn angesehen habe und gedacht habe, was für ein wunderbarer Mensch der geworden ist. Gleichzeitig habe ich auf unseren gemeinsamen Weg zurückgeblickt, auf all die Erfahrungen, die wir gemacht haben, auf alles, was ich durch ihn lernen durfte. Und ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen und diese Podcast-Folge aufnehmen. Allein dafür bin ich ihm unglaublich dankbar. Denn ja, wir hatten unsere Herausforderungen mit der Mehrschwerigkeit, dazu komme ich gleich noch, aber heute könnte ich jedes Mal vor Stolz platzen, wenn ich ihn in unseren beiden Herkunftssprachen sprechen höre. Hätten wir vor acht Jahren nichts getan, würde er heute sicherlich nur Deutsch sprechen. Das Potential zur Mehrschwerigkeit steckt in jedem Kind. Jedes Kind kann mehrschwerlich werden. Wie sich diese Mehrsparigkeit jedoch entfaltet, hängt vor allem von den Bedingungen ab, in denen ein Kind aufwächst. Von den Menschen, die die Sprachen sprechen, von den Beziehungen, die mit diesen Sprachen verbunden sind und von den Erfahrungen, die das Kind mit ihnen macht. Immer wieder höre ich Sätze wie, mein Kind ist nicht sprachaffin oder mein Kind ist nicht so der Sprachentyp und oft wird das einfach als gegeben hingenommen, als könne man daran nichts ändern. Ich sehe das anders. Zwar bringen Kinder eine Menge mit auf die Welt, ihre eigene Persönlichkeit. Und wenn du bereits mehrere Kinder hast, kannst du sicherlich bestätigen, oft merkt man schon in den ersten Lebenswochen wesentliche Unterschiede. Aber genauso wichtig und entscheidend sind die Erfahrungen, die die Kinder machen, die Menschen, die sie begleiten und das Umfeld, in dem sie aufwachsen. Das möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen und zwar daran, wie ich persönlich Deutsch als Fremdsprache gelernt habe und welchen Weg ich dabei gegangen bin. Und wenn du dich fragst, Herr Fassat, Lernen einer Fremdsprache mit mehrsprachigem Aufwachsen zu tun, dann bleib dran, denn gleich verstehst du, wo die Parallelen sind. Ich bin in einer Kleinstadt in Frankreich geboren und aufgewachsen. In meiner Familie wurde ausschließlich Französisch gesprochen. Und damals war es noch nicht so, dass man schon in der Grundschule Fremdsprachen gelernt hat. Das heißt, bis zu meinem zehnten Geburtstag hatte ich praktisch keinerlei Berührung mit anderen Sprachen. In Frankreich ist es nämlich so, nach der vierten Klasse wechselt man von der Grundschule, der Ecole primaire, aufs College. Und dort beginnt dann der Fremdsprachenunterricht. Und dafür muss man sich für eine erste Fremdsprache entscheiden. An der Schule, auf die ich damals wechseln wollte, gab es nur zwei Möglichkeiten, Englisch oder Deutsch. Eines Tages kam im letzten Jahr vor dem Schulwechsel die Deutschlehrerin in unsere Klasse, ⁓ uns für die Sprache zu begeistern und uns für ihren Unterricht zu gewinnen. Weil damals, und ich glaube, das ist heute noch so, hatte Deutsch den Ruf, eine schwierige Sprache zu sein. Die meisten Kinder wollten oder wollten lieber zuerst Englisch lernen. Dazu kam noch, wer Deutsch als erste Fremdsprache wählte, konnte später nur Englisch als zweite Fremdsprache dazu nehmen. Wer hingegen mit Englisch begann, hatte später die Wahl zwischen Deutsch und Spanisch. Und die meisten fanden Spanisch viel attraktiver, nicht nur, die Sprache für die meisten Menschen einfach schöner klingt als die deutsche, sondern weil sie viel näher am Französischen ist. Bei mir war das allerdings ganz anders. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich mochte diese Deutschlehrerin sofort und irgendwie auch die Sprache. Ich kam nach Hause, ich weiß es noch ganz genau, ich kam nach Hause und sagte zu meinen Eltern, ich will Deutsch lernen. Und meine Eltern fragten erst mal, hm, bist du sicher? Und ich, ja, ganz sicher. Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich manchmal ... Was hat mich damals eigentlich so begeistert? War es wirklich die Sprache oder war es die Lehrerin? Wahrscheinlich war das beides. Aber genau daran sieht man, welchen Einfluss emotionale Verbindungen auf das Sprachenlernen haben. Wenn ich eine positive Verbindung zu der Person habe, die mit einer Sprache verknüpft ist, dann beeinflusst das meine Motivation enorm. Eigentlich ist das nichts Neues. Wir alle hatten in unserer Schulzeit Lehrerinnen und Lehrer, die wir besonders mochten. und andere, bei denen das vielleicht weniger der Fall war. Und ich glaube, wir sind uns alle einig, wenn wir sagen, dass das unsere Motivation für das jeweilige Fach beeinflusst hat. Was will ich damit sagen? Bei unseren Kindern ist es nicht viel anders. Die positiven Erfahrungen und die Connection, die positive Verbindung zu den Menschen und zur Sprache sind essentiell, damit sie sie nachhaltig lernen und sprechen. Und ja, natürlich, wenn sie von Anfang an in Berührung mit einer Sprache kommen, dann haben sie automatisch diese intrinsische Motivation, diese Sprache auch sprechen zu lernen. Das ist da natürlich anders als bei einer Fremdsprache, die man später anfängt zu lernen. Aber diese Motivation, die bei den Jüngsten da ist, die lässt mir derzeit nach, wenn wir sie nicht pflegen. Dazu gleich mehr. Aber noch kurz zurück zu mir. Meine Liebe zur deutschen Sprache wurde immer größer und so groß, dass ich mit 16 Jahren im Rahmen eines Schüleraustauschs für drei Monate nach Hamburg gegangen bin. Ich verbrachte insgesamt sechs Monate mit meiner damaligen Austauschpartnerin, mit der ich heute noch befreundet bin und diese Zeit war etwas ganz ganz Besonderes. Sie war intensiv, sie war bereichernd und sie hat mich weit über das Sprachenlernen hinaus geprägt. Nach dieser positiven Erfahrung hatte ich eigentlich nur noch einen Gedanken im Kopf. Ich wollte noch tiefer in die deutsche Sprache eintauchen. und ich wusste, irgendwann werde ich für längere Zeit nach Deutschland gehen. Nach dem Abi stand für mich deshalb ziemlich schnell fest, ich möchte Germanistik studieren und das habe ich auch getan. 2009 bin ich dann im Rahmen des Erasmus-Programms für ein Jahr nach Paderborn gegangen, wo ich meinen heutigen Mann kennengelernt habe. Aus dem einen Jahr in Deutschland wurden schließlich zwei und danach sind wir gemeinsam für ein Jahr nach Frankreich, wo ich mein Masterstudium abschloss. 2011 begann ich dann ein deutsch-französisches PhD im Bereich Kulturwissenschaften und zog mit meinem Mann nach Berlin. Sprachen waren und ganz besonders die deutsche Sprache waren also schon relativ früh ein wichtiger Teil meines Lebens. Sie haben mich geprägt und Türen geöffnet, aber die wirkliche Tiefe dieses Themas habe ich erst verstanden, als ich selbst Mama wurde. Als ich 2015 schwanger wurde, war der Plan für meinen Mann und mich ganz klar, Ich spreche Französisch mit unserem Sohn, mein Mann Türkisch und untereinander sprechen wir Deutsch. Am Anfang funktionierte das auch wunderbar, dann kam die Kita und schon bald wollte unser Sohn nur noch Deutsch sprechen. Das machte uns natürlich traurig, denn für uns ging es nie nur ⁓ Sprache, es ging ⁓ Verbindung, ⁓ Familie, ⁓ Zugehörigkeit und ⁓ Identität. Wir wollten, dass unser Sohn eine enge Beziehung mit seinen Großeltern auf beiden Seiten aufbauen kann. dass er sich in allen Sprachen zu Hause fühlt, dass er Zugang zu seinen Wurzeln hat. Ja, und plötzlich standen wir da, trotz all unseres Wissens, mit ganz vielen Fragen. Und ich begann mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch emotional und ganz praktisch im Alltag. Und parallel dazu war ich in der qualitativen Forschung tätig und kam dort intensiv mit frühkindlicher Pädagogik in Kontakt. Ich habe gesehen, wie viele Familien sich mit Mehrsparrechigkeit unsicher fühlten und wie relevant das Thema Mehrsparrechigkeit war. Ich habe recherchiert, ausprobiert, beobachtet, reflektiert und schließlich meine eigene Methode entwickelt, die Early Language Bonding Methode. Bonding, weil das, was Kinder primär brauchen, Bindung ist, die Bindung zur Sprache. Sie brauchen ein Umfeld, das eine bewusste, sprachförderliche Haltung hat und ihre Mehrsparrechigkeit wirklich trägt und lebt. Mittlerweile durfte ich damit auch über 200 Eltern bei der mehrsprachigen Erziehung unterstützen. Und an der Stelle möchte ich gern ein paar Worte zum Begriff Erziehung sagen. Vielleicht bist du da gerade an den Begriff gestolpert. Und ja, ich verwende den Begriff immer wieder, einfach weil es der Begriff ist, den viele verwenden und weil dann sofort klar ist, worum es geht. Aber gleichzeitig mag ich das deutsche Wort Erziehung nicht. Es klingt für mich zu sehr nach einem Ziehen, als müsste man etwas aktiv in eine bestimmte Richtung Im Französischen gibt es das Wort Education, das Wort kommt aus dem lateinischen e, also ex, sprich heraus und duquere, führen. Wörtlich steckt also die Vorstellung dahinter, jemanden herauszuführen bzw. Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Und genau das gefällt mir mehr, weil es näher an meinem Ansatz und meiner Sicht der Dinge ist. Und hier ein kleiner Exkurs. Du merkst, hier sind wir schon mitten im Thema. Sprachen sind Welten. Und wie schön ist es, verschiedenen Sprachschätzen schöpfen zu können, ⁓ unsere Gedanken so präzise auszudrücken. Das persönlich finde ich wunderbar. Also für mich steckt das Potential, wie ich vorhin schon sagte, in deinem Kind. Es ist da. Und es muss nicht dran gezogen werden. Es darf sich entfalten. Die Grundlage meiner Arbeit ist ein bindungsorientierter Ansatz. Es geht nicht darum, perfekte Regeln aufzustellen, sondern darum, Mehrspareichkeit lebbar zu machen. mit Freude, Beziehung und Alltagstauglichkeit. Denn Sprachelernen passiert nicht im Üben, es passiert in kleinen Momenten, in Alltagssituationen. Und genau das möchte ich mit diesem Podcast weitergeben. Ich wünsche mir, dass du dich als Mama oder Papa sicherer fühlst, weniger Druck verspürst und dass du verstehst, dass Mehrsprechkeit kein perfekter gerade Weg sein muss. Mehrsparigkeit ist ein Prozess und manchmal braucht es einfach auch jemanden, der einen auf diesem Weg begleitet. Genau dafür bin ich hier. Mit Herz, mit Erfahrung und mit einer klaren Vision, dass Kinder alle ihre Sprachen lieben und leben und vor allem leben dürfen. Und dass sich damit auch der Blick auf Mehrsparigkeit und mehrsprachige Kinder in unserer Gesellschaft verändert. Besuche mich gern auf herzenssprachen.de und abonniere mein Newsletter. So erfährst du immer, wenn eine neue Podcast-Folge online geht. Dort erwartet dich auch ein kleines Bekommensgeschenk. Wenn diese Folge dir gefallen hat, dann freue ich mich sehr, wenn du diesen Podcast abonnierst und ihn mit 5 Sternen bewertest. Danke, dass du hier bist. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Reise.