Fawn: Ich muss dir heute eine vielleicht etwas unangenehme Frage stellen. Willst du besser singen oder willst du von deinem Gesangslehrer hören, dass du gut singst? Denn da ist eine kleine Unterschied. Und ich sehe etwas bei Sängern, das mich immer wieder fasziniert. Wir bezahlen jemanden dafür, dass er uns hilft, besser zu werden. Und denn, wenn dieser Mensch uns sagt, was wir besser machen könnten, ouch, Weltuntergang. Plötzlich geht unglaublich viel Energie nicht mehr ins Verbessern, sondern ins Nachdenken über die Kritik. Und manchmal sogar ins Erklären, warum die Verbesserung gerade nicht geht. Aber bevor du jetzt denkst, na toll, wann soll ich mich jetzt über jeder Kritik freuen? Ja und nein. Denn ich glaube sogar, dass es Tage gibt, an denen ein guter Gesangslehrer nicht dich korrigieren soll. Dazu komme ich gleich. Erst einmal möchte ich dir erzählen, was mich überhaupt auf dieses Thema gebracht hat. In letzter Zeit ist mir nämlich bei einer Schule etwas aufgefallen. Ich gebe dem eine Verbesserungsvorschlag. Nichts Dramatisches. Vielleicht sage ich, achte hier ein bisschen mehr auf deine Aussprache. Oder ich glaube, dein Ziel ist noch zu schwämmig. Lass uns das konkreter machen, damit du überhaupt erkennen kannst, ob du besser wirst. Und während... des Unterrichts ist, würde ich sagen, alles gut. Ja, okay, verstehe ich, wird gesagt. Und dann ein paar Stunden später wird aus diesem kleinen Verbesserungsvorschlag plötzlich ein ausgewachsener Roman. Warum das schwierig ist, warum es gerade nicht geht, warum es bei diesem Song anders ist, warum die Situation besonders ist, warum dieser Vorschlag für die Person vielleicht gar nicht funktioniert. Und manchmal denke ich, Moment mal, das war doch nur Feedback. Ich habe nicht gesagt, du kannst nicht singen. Ich habe gesagt, wenn du das veränderst, wirst du besser klingen. Und das ist verdammt eine große Unterschied. Und genau da passiert, glaube ich, etwas in unserem Kopf, dass wir oft gar nicht bemerken. Also der Gesangslehrer sagt, deine Aussprache könnte hier klarer sein. Und was kommt in Kopf an? Meine Aussprache ist schlecht. Vielleicht sogar ich bin schlecht oder nach all der Arbeit kann ich es immer noch nicht. Und plötzlich beschäftigen wir uns nicht mehr mit der Aussprache, wir beschäftigen uns damit wie wir uns wegen dieser Aussage fühlen. Wir analysieren die Kritik, wir erklären sie, wir rechtfertigen uns, wir überlegen, warum die Veränderung schwierig ist. Und manchmal machen wir dann sogar etwas, das sich im ersten Moment wie eine Lösung anfühlt, obwohl wir damit genau der Sache ausweichen, die uns eigentlich besser machen könnte. Dazu gleich ein Beispiel. Dann zuerst möchte ich, dass du dir etwas vorstellst. Dein Gesangslehrer sagt zu dir, deine Konsonanten sind zu weich. Du könntest nach Hause gehen und denken, scheiße, meine Aussprache ist schlecht. Oder du könntest denken, wenn ich die Konsonanten knackiger bekomme, wird der Text verständlicher, der Song bekommt mehr Energie und ich werde richtig geil klingen. Derselben Feedback, aber eine völlig andere Reaktion darauf. Und genau das möchte ich dir heute mitgeben. Verbringe nicht so viel Zeit damit, darüber nachzudenken, dass du kritisiert wurdest. Denk darüber nach, was möglich wird, wenn du diesen Punkt verbesserst. Denn eine Korrektur zeigt dir nicht nur, was gerade nicht funktioniert. Sie zeigt dir am besten den Weg zur nächsten Version von dir. Und jetzt zu dem Beispiel von gerade. Nehmen wir an, wir arbeiten an einem Song und ich höre immer wieder die Aussprache, ja, steht dir im Weg. Also arbeiten wir daran. Das fühlt sich vielleicht unangenehm an. Du musst plötzlich auf Dinge achten, über die du vorher gar nicht nachgedacht hast. Und beim nächsten Mal entscheidest du, weißt du was? Ich singe lieber einen ganz anderen Song. Problem gelöst. Äh, nein. Das Lied ist weg. Das Problem ist noch da. Wenn ich bei einem Song höre, dass wir an deiner Aussprache arbeiten sollten und du anschließend einen anderen Song singst, haben wir deine Aussprache nicht verbessert. Wir haben nur das Lied entfernt, bei dem wir sie besonders gut hören könnten. Und das ist schade. Denn genau dieses Lied hatte vielleicht ein Trainingsgerät sein können. Aber jetzt muss ich auch die andere Seite erzählen. Denn ich habe vorhin gesagt, dass es Tage gibt, an denen ich eine Schüler bewusst nicht noch weiter korrigiere. Und das meine ich ernst. Singen ist persönlich. Deine Stimme ist kein Tennisschläger. Sie kommt aus deinem Körper. Und wenn jemand etwas über deine Stimme sagt, kann sich das sehr schnell so anfühlen. als würde er etwas über dich sagen. Das verstehe ich. Ich bin ja Sängerin. Und aus Lehrungen muss ich das auch berücksichtigen. Ich kenne meine Schüler. Und dabei hilft mir übrigens ganz stark die nonverbale Kommunikation. Ich sehe oft schon an der Haltung, am Gesicht, am Blick oder daran, wie jemand plötzlich in sich zusammensagt. Okay, heute ist die Aufnahmsfähigkeit einfach nicht mehr da. Und wenn jemand vor mir sitzt und sowieso gerade völlig down ist, wenn jemand einen schlechten Tag hat, wenn jemand gerade alles in Frage stellt, dann muss ich nicht noch fünf Dinge finden, die wir verbessern könnten. Nur weil ich noch fünf Fehler höre oder sowas heißt das nicht, dass meine Schüler heute auch fünf Korrekturen vertragen oder verarbeiten kann. Und das gehört für mich genauso zum guten Unterricht, zu erkennen, was dieser Mensch gerade aufnehmen kann und was vielleicht bis nächste Woche warten darf. Manchmal sage ich dann ganz bewusst, nein, hör mal, das hier machst du richtig gut. Und das ist nicht einfach nur dazu da jemanden aufzubauen. Das ist genauso wichtiges Feedback. Denn wenn du etwas richtig machst, musst du wissen, was du richtig machst, damit du es wiederholen kannst. Damit du nicht plötzlich anfängst, an zehn Sachen herumzuschrauben, die überhaupt nicht kaputt waren. Oder wie ich gerne sage, damit wir es nicht verschlimmbessern. Aber dann gibt es anderen Tagen. Du bist heute gut drauf. Du kannst das, du bist stabil. Und ich denke, jetzt bist du bereit für den nächsten Schritt. Genau dann möchte ich dir nicht einfach sagen, super, toll, weiter so. Wenn ich etwas höre, das dich auf die nächste Stufe bringen könnte, dann möchte ich es dir sagen. Nicht weil du schlecht bist, sondern gerade weil ich glaube, dass du es schaffen kannst. Und jetzt kommt etwas, das vielleicht erstmal ja komisch klingt. Eigentlich ist eine Korrektur manchmal sogar ein Kompliment. Denn damit sage ich, ich glaube, dass du gerade bereit bist, besser zu werden und weiterzukommen. Wenn ich dir nur sagen würde, was du hören möchtest, wäre ich vielleicht eine sehr angenehme Gesangslehrerin, aber wäre ich eine gute? Und weißt du, was ich noch bei meiner Arbeit immer wieder beobachte? Manche Menschen sind unglaublich gut darin, Gründe zu finden, warum ein Vorschlag für sie schwierig ist. Und manchmal sind diese Gründe absolut berechtigt. Natürlich. Menschen haben Ja, unterschiedliche Voraussetzungen, unterschiedliche Stimmen, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Lebenssituationen. Nicht jeder Übung funktioniert für jeder Mensch gleich. Dann müssen wir einen anderen Weg finden. Aber genau da liegt für mich der entscheidende Unterschied. Fragst du, warum kann ich das nicht? Oder fragst du, okay, wie könnte es für mich gehen? Das zweite für mich ist lernen. Du musst meinen Vorschlag nicht eins zu eins umsetzen. Du darfst sagen, fahren So funktioniert es für mich nicht. Gut, dann suchen wir einen anderen Weg. Aber lass uns einen Weg suchen. Dann werden wir unsere ganze Energie dafür benutzen, zu erklären, warum es etwas nicht funktioniert. Bleibt irgendwann keine Energie mehr übrig, herauszufinden, was funktionieren könnte. Und genau deshalb habe ich drei Fragen für dich. die du beim nächsten Feedback ausprobieren kannst. Vor allem die zweite finde ich wichtig, weil sie deinen Blick komplett weg von Problemen Hind zu dem bringen kann, was du eigentlich erreichen möchtest. Also dein Gesangslehrer, Chorleiter, Regisseur oder vielleicht auch ein Bandkollege gibt dir Feedback und du merkst Das hat gerade gepikst. Denn mache erst einmal nichts. Keinen inneren Roman schreiben, kein neues Lied suchen und vielleicht auch nicht nachher 14-minütigen Sprachnachrichten aufnehmen. Frag dich stattdessen. Erstens, was wurde tatsächlich kritisiert? Meine Konsonanten könnten klarer sein. Nicht, ich bin nicht gut. Das ist konkret. Und jetzt kommt die zweite Frage. Was wird besser, wenn ich genau das verändere? Das ist für mich die spannendste Frage. Vielleicht wird der Text verständlicher. Vielleicht klingt dein Bild freier. Vielleicht wird dein Timing präziser. Vielleicht kommt die Emotion endlich so beim Publikum an, wie du sie meinst. Stell dir nicht nur vor, was gerade falsch ist. Stell dir vor, wie geil es klingen könnte, wenn du es veränderst. Denn plötzlich schaust du nicht mehr zurück auf deinen Fehler. Du schaust nach vorne. auf das Ergebnis. Und dann drittens, was ist der kleinste Schritt, den ich jetzt ausprobieren kann? Nicht wie löse ich dieses Komplettproblem für den Rest meines Lebens. Nur was probiere ich heute? Das reicht. Und vielleicht ist das der wichtigste Satz aus dieser ganzen Folge. Du bist nicht deine Korrektur. Wenn ich deine Aussprache korrigiere, korrigiere ich deine Aussprache, nicht deinen Wert als Sänger. Wenn ich deine Atmung korrigiere, korrigiere ich deine Atmung, nicht dich als Mensch. Und wenn ich sage, da geht noch mehr, dann kann das etwas ganz anderes bedeuten als das war nicht gut. Es kann bedeuten, ich höre, was da noch möglich ist. Und genau deshalb wünsche ich mir manchmal, dass meine Schüler einen Verbesserungsvorschlag nicht als etwas sehen, dass ich ihnen wegnehmen möchte, sondern als etwas, das ich ihnen geben möchte. Also wenn du das nächste Mal Feedback bekommst und deine erste Gedanke ist ouch, dann darfst du kurz ouch denken, aber bleib dort nicht wohnen. und verschwende nicht deine ganze Energie darauf zu erklären, warum du etwas noch nicht kannst. Frag dich lieber, was passiert mit meiner Stimme, wenn ich genau das verbessere. Wie werde ich klingen, wenn ich das irgendwann kann? Und dann vielleicht ist die Sache, die du gerade am wenigsten hören möchtest, genau die Sache. die dich einen riesigen Schritt weiterbringen kann. Und dann klingt es plötzlich gar nicht mehr nach Kritik, sondern noch eine ziemlich guten Gelegenheit. In diesem Sinne Happy Übing!